was hat sie sich dabei gedacht

Was hat sie sich dabei Gedacht?

Vielleicht will er sich verabschieden. Vielleicht will er, dass sie ihn doch noch abhält. Die Verbindung dauert 43 Minuten, niemand außer ihnen wird erfahren, worüber beide reden. Um 19.11 Uhr endet die Verbindung. Um 19.12 Uhr, ein einsamer Minute später, ruft Michelle Carter wieder Conrad Roy an. Roy nimmt ab, er ist also noch am Leben. Er hat Kalte Füße bekommen, so rekonstruieren Forensiker, und er hat den vergasten Truck verlassen, darauf deuten Fußspuren aufm Parkplatz hin. Carter bekommt alles mit, dann überredet sie ihn – so wird sie einer Mitschülerin nur Tage darauf erzählen, so wird sie es später in Verhören während der Untersuchungshaft selbst zugeben -, stante pede wieder einzusteigen. Roy folgt ihrer Anweisung. In den Minuten darauf hört Michelle Carter ihm beim Sterben zu. Sie sitzt in Plainville, in ihrem Kinderzimmer mit dem rosafarbenen Sofa, 50 Kilometer entfernt, sie hört den Pumpenmotor in Roys Truck laufen. Kohlenmonoxid breitet sich geruchlos aus. Die Ermittler nehmen an, dass Roy nicht spürt, dass er Gift einatmet, vielleicht spürt er, wie langsam seine Sinne schwinden.

Aber sie hätten sich um Roys Hals gelegt wie eine Schlinge, sie hätten ihn, noch als Carter ihm befahl, wieder in den Truck zu steigen, „buchstäblich nicht länger atmen lassen“. Carter sei nicht zugegen gewesen, aber doch „virtuell anwesend“. Carter habe ihn nicht eigenhändig getötet, aber in klarer Tötungsabsicht gehandelt. Sie hatte mit allem Drum und Dran, was Profiler in Befragungen mit ihr herausgefunden hatten, auch ein Motiv. Im psychologischen Gutachten steht, dass Carter an starken Minderwertigkeitsgefühlen leide, dass sie entschlossen beachtet werden wolle. Von Roys Tod versprach sie sich, auch das steht im Gutachten, „Bestätigung, Anerkennung und Liebe“. Warum fragte sie Roy in greifbarer Nähe der Tat, ob sie sich seine Freundin nennen dürfe, warum war ihr das so wichtig? Es herrscht ehemalige Mitschüler, die vor Gericht aussagten, Michelle Carter habe Conrad Roy in den zweieinhalb Jahren, in denen sie mit ihm zusammen war, kein einziges Mal erwähnt. Carter, das berichteten Mitschülerinnen vereidigt, habe erst nach seinem Tod angefangen, von ihrem toten Freund zu sprechen, überall.

Gemeinsam die Familie habe sie im Hafen Hotdogs gegessen. Sie hätten dabei nicht viel geredet, aber Roys Eltern fanden, Carter habe einen „belebenden Einfluss“ auf ihren Sohn. Sie selbst, auch das gaben beide Eltern vor Gericht zu, hatten keine Vorstellung, dass seine Gedanken bald wohl allenfalls noch um den Tod kreisten. Die welt schreibt das jahr 2014, Conrad Roy ist 18, als er beginnt, im Internet nach Selbstmordmethoden zu suchen. Über Monate gibt er insgesamt 33-mal, oft an Sonntagabenden, während seine Eltern streiten oder vor dem Fernseher sitzen, bei Google ein: „best ways to commit suicide without hurt“, die besten Wege, ohne Schmerzen Selbstmord zu begehen. Auch seine Schwestern, Freunde oder Lehrer bekommen davon nichts mit. Für seine Mitmenschen wirkt er zufrieden. Er geht Dauer zur Therapie, die Psychologin sagt, er sei stabil. Er bringt gute Leistungen im Abschlussjahrgang und bewirbt sich um ein Stipendium fürs College. Er erzählt allen von seiner Freundin Michelle, die seinem Leben, so sagt er, einen Sinn gebe. Die Einzige, die spüren muss, wie wenig Sinn er noch im Leben sieht, ist Michelle Carter.

Sie schreiben, dass sie sich vermissen, und sie schwören, immer füreinander da nicht geöffnet haben. Irgendwann, nach vier Monaten, als sie sich einmal spät nächtlich Nachrichten schicken, chatten sie auch über den Wunsch zu sterben. Zu Beginn wirkt es vielleicht noch wie ein Spiel, wie Gerede unter Teenagern. Roy schreibt, dass er morgens immer schlechter aus dem Bett komme. Dass sich jedes Gespräch mit Menschen schwer anfühle. Dass er keine Lust mehr auf die Schule und Nass Leben habe. Carter schreibt, ihr gehe es genauso, sie schickt ihm ein Foto von einem Galgen und einer Guillotine. Carter, dahinter setzt sie einen Smiley. Zeitdauer später, nach einem gewonnenen Punktspiel seiner Baseballmannschaft, nach einem scheinbar ganz normalen Abendessen mit seiner Familie, versucht Conrad Roy erstmalig, sich umzubringen. Er schließt sich im Badezimmer ein, schluckt ein Dutzend Tabletten Paracetamol, er spuckt Blut, bevor seine beiden jüngeren Schwestern ihn bewusstlos finden. Er wird ins Krankenhaus gebracht und eine Woche lang behandelt.

Sie besuchte seine Trauerfeier, weinte an seinem Sarg. Auch digital inszenierte sie sich wie aus dem Allein seine Freundin. Auf Instagram postete sie Bilder von sich und Conrad Roy, Weile. Als das neue Schuljahr begann, ließ Michelle Carter sich von Mitschülerinnen in den Arm nehmen, posierte für Fotos in der Lokalzeitung, organisierte Informationstage in Hinblick auf „Geisteskrankheit“. Michelle Carter, so deutete der Richter ihr Verhalten, hatte Roys Leben beenden wollen, um ihr eigenes Leben aufzuwerten. Er verurteilte sie, nach Jugendstrafrecht, zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und fünf weiteren Jahren auf Bewährung; nicht wegen Mordes, aber wegen fahrlässiger, mutwilliger Tötung. Während Carter, die den ganzen Prozess über schweigend vor sich hin starrte, im Anklagestand gestützt werden musste, während ihre Eltern im Zuschauerraum in Tränen ausbrachen, sprach der Richter von einer „Tragödie“ für alle. Zurück bleiben, wie atomar Stück von Shakespeare, ehe der Vorhang fällt, zwei zerstörte junge Leben, zwei zerstörte Familien und, wie in vielen Dramen, die von Selbstmord handeln, ein Abschiedsbrief. Es war dieser Brief, der vermutlich nie gefunden werden sollte, es waren seine letzten drei Worte, die Polizeiermittler stutzig machten und überhaupt auf Carters Spuren führten. Roy hatte, wie verabredet, auf seinem Handy alle SMS und Facebook-Nachrichten von ihr gelöscht. Nur den altmodischen Brief an sie muss Roy irgendwann geschrieben, aber nie abgeschickt und offenbar vergessen haben. Seine Eltern fanden ihn Zeitspanne nach seinem Tod, hinterm Schreibtisch seines Zimmers, einen Spiralblockzettel mit kritzeliger Schrift, an „Michelle, meinen Engel“. Er sei froh, schreibt Conrad Roy, ein Mädchen wie sie getroffen ehelos, einen Menschen, der seinen Todeswunsch verstehe. Er schreibt, sie solle keine Muffensausen haben, niemand werde sie verdächtigen, niemand werde ihr die Schuld geben. Conrad Roy seinen Brief. In ihrem Kinderzimmer, 50 Kilometer entfernt, hört Carter ihm beim Sterben zu. Claas Relotius, Jahrgang 1985, studierte Kulturwissenschaft und schreibt seit 2014 Reportagen fürt Gesellschaftsressort des SPIEGEL . Seine Recherchen führen häufig in die USA. Die komplette Gerichtsverhandlung im Fall Michelle Carter, überaus 20 Stunden, sah er sich als Videoaufzeichnung an. In Carters Gesicht lag keine Reue.

Aufgeschmissen verschreibt ein Arzt ihm Celexa, ein Antidepressivum, das Suizidgedanken bei Jugendlichen, nach Erkrankung, fördern kann. Conrad Roy an Michelle Carter, als er wieder domiziliert sein ist, seine Worte wirken vorwurfsvoll, fast wütend. Sie wirken, als fühle er sich unzureichend beachtet. Im Prozess vor Gericht verwiesen ihre Verteidiger auf diese Zeilen, als Beleg ihrer Unschuld. Sie verwiesen darauf, dass Conrad Roy die Angeklagte, ein pubertierendes Mädchen, mit seinen Selbstmordfantasien bedrängt habe, dass er sie gezwungen habe, Verantwortung für ihn zu übernehmen. Sie verwiesen auch darauf, dass Carter ihrem Freund mehrfach geraten habe, eine Therapie schaffbar. Sie argumentierten, dass Carter ihn nicht um sein Leben bringen wollte, sondern, zumindest noch in sich geschlossen Jahr lang, versuchte, ihn vor sich selbst zu schützen. Auch Lynn Roy, 46, Conrad Roys Mutter, eine Frau mit dunklem Haar und Tränen in den Augen, sagte vor Gericht, dass sie Michelle Carter nicht als Bedrohung betrachtete, sondern als Stütze, als freundliches Mädchen, das ihrem Jungen guttun könnte. Gleichzeitig spürte sie, dass Carter „große Macht“ über ihn erlangt habe, die Macht einer ersten Liebe. Carter, so gaben Roys Eltern im Zeugenstand zu Protokoll, sei nur einmal pro Mattapoisett zu besuch gewesen, über ein Wochenende nach Weihnachten.

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